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Wessen Welt?!

Larissa Wallner, Philosophin und Juristin, LMU München.

I. ADA – Prognosen aus Ort, Alter und Geschlecht

Telefónica Deutschland hat unter dem Kürzel ADA, was zwar an Nabokovs berühmte Protagonistin erinnert, aber für „Advanced Data Analytics” steht, ein Verfahren zum Verkauf von Analysen entwickelt, die aus Kundendaten gewonnen werden. Aus ihnen werden mittels signifikanter Stichproben in einem nächsten Schritt Prognosen erstellt. Eingang in den Bearbeitungsprozess finden die Informationen Alter, Geschlecht und Ort. Ziel ist es, die Häufung von Personen und Personengruppen an bestimmten Orten zu einem Zeitpunkt zu erfassen und so Bevölkerungsbewegungen abzubilden.

Die geografischen Daten fallen an, da sich Mobiltelefone regelmäßig in die lokalen Funkzellen einwählen – z.B. beim Empfang eines Anrufs, während sich Geschlecht und Alter aus den Verträgen mit den Tochtergesellschaften, z.B. o2, Base und EPlus ergeben.

II. Öffentlichkeitswirksame Wertschöpfung

„ADA kann ein zukunftsweisender Schritt sein, der die Lebensbedingungen Einzelner aber auch breiter Gesellschaftsschichten verbessert. Es ist daher nicht die Nutzung von Daten, die begründet werden muss, sondern das bewusste Ungenutzt-Lassen der Ressource.“

Ausgangslage des ADA-Projekts ist, dass Telefónica Deutschland über eine auch im Vergleich mit internationalen Internetdienstanbietern beachtliche Menge von Daten verfügt. Diese Daten sind wertvoll und können für das Unternehmen auf unterschiedliche Weise gewinnbringend verarbeitet werden: Telefónica Deutschland nutzt einerseits vorhandene Ressourcen und folgt damit keinem bloßen Gewinnstreben, sondern einer wirtschaftlichen Notwendigkeit. Da immer weniger Kommunikation über Telefonate und SMS erfolgt, aber immer mehr – nur bei erster Betrachtung kostenfreie – Kanäle genutzt werden, ist das Geschäft mit den Daten für Telekommunikationsunternehmen unumgänglich. Andererseits handelt es sich bei ADA, unter Voraussetzung einer adäquaten und geschickten Vermittlung, um ein potentiell öffentlichkeitswirksames, prestigeträchtiges Projekt, mit dem sich das Unternehmen profilieren und ins Zentrum gesellschaftlicher Aufmerksamkeit spielen kann. ADA ist eine Chance, zukunftsweisend und -gestaltend zu agieren und die Marke Telefónica Deutschland konkurrenzfähig zu halten.

Zugleich darf davon ausgegangen werden, dass neben den ökonomischen Interessen auch ein politisch-gesellschaftliches Ideal zu den Motiven von Telefónica Deutschland zählt. ADA kann ein zukunftsweisender Schritt sein, der die Lebensbedingungen Einzelner aber auch breiter Gesellschaftsschichten verbessert. Es ist daher nicht die Nutzung von Daten, die begründet werden muss, sondern das bewusste Ungenutzt-Lassen der Ressource. Allerdings ist bei allen Wertschöpfungen im Bereich von Big Data besonderen rechtlichen, politischen und ethischen Anforderungen Rechnung zu tragen.

III. Wessen Welt?!

„Durch Verschlüsselungsprozesse wird die Rückverfolgung einzelner Kunden und die Preisgabe personenbezogener Daten ausgeschlossen.“

Thorsten Dirks beschreibt ADA in seinem Essay unter der Überschrift Deine Welt. Deine Wahl. Diese Beschreibung scheint dem Leser zu vermitteln, dass es keine Interessenkonflikte zwischen denjenigen, deren Daten verwendet werden und denjenigen, die diese Daten verwenden gibt – nicht zuletzt, weil das Individuum vermeintlich frei über die Verwendung entscheiden kann. Diese Annahme trifft nur bedingt zu. Denn selbstverständlich gilt es auch hier die Frage zu stellen: Wem nützt das? Mit einer Übertragung von John Rawles Theory of Justice lässt sich dafür argumentieren, dass auch wenn der Nutzen der einen Gruppe jenen der anderen Gruppe bei weitem überwiegt, diese Ungleichverteilung dann gerechtfertigt ist, wenn sich die Situation derjenigen, die den geringsten Vorteil haben, dennoch wesentlich verbessert.
Hier gilt es nun zwischen den betroffenen Interessen aller Beteiligten abzuwägen.

1) Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung des Einzelnen

Ausgangspunkt einer solchen Abwägung zwischen den rechtlichen, politischen und ethischen Werten, die von ADA betroffen sind einerseits und dem gesellschaftlichen und dem privaten Nutzen andererseits ist das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Geschützt wird es durch Art. 2 Abs. 1 S. 1 des deutschen Grundgesetztes und Art. 8 der Grundrechte-Charta der Europäischen Union.
Dieses Recht ist, wie alle Grundrechte, als Abwehrrecht des Bürgers gegen den Staat mit mittelbarer Drittwirkung grundsätzlich ein Individualrecht. Es kommt also dem einzelnen, unmittelbar Betroffenen zu. Sein Schutz wird im Fall von ADA durch das Anonymisierungsverfahren – vorausgesetzt, dieses hält, was es verspricht – garantiert. Durch Verschlüsselungsprozesse wird die Rückverfolgung einzelner Kunden und die Preisgabe personenbezogener Daten ausgeschlossen. Hierauf muss der einzelne Kunde allerdings vertrauen. Auch derjenige, der die Opt-Out-Funktion nutzt, muss darauf vertrauen, dass seine Daten wirklich nicht verwendet werden. Dieses Vertrauen wird durch die Zusammenarbeit mit der Bundesbeauftragten für Datenschutz besonders gestützt.

2) Gesamtgesellschaftliche Relevanz des Projekts

„Die Befürchtung, dass aus einer freien Gesellschaft schnell eine faschistische Gesellschaft totaler Überwachung wird, ist historisch bedingt nachvollziehbar. Technisch wäre dies längst effizienter denn je.“

Betroffen ist jedoch nicht nur der einzelne Kunde; betroffen ist mittelbar auch der einzelne unbeteiligte Bürger, auf dessen Bewegungsverhalten Rückschlüsse gezogen werden können – beispielsweise durch die Übertragung der Ergebnisse der Stichproben anhand der gemeinsamen Kriterien Alter und Geschlecht. Betroffen ist schließlich die Gesellschaft als Ganzes durch langfristige Konsequenzen, weil ADA zukunftsgestaltend wirkt.
ADA kann als Teil des größeren Projekts von Data Science und als Einzelfall von Data Mining als Beitrag zu einer größeren Entwicklung qualifiziert werden. Eine kritische Betrachtung an dieser Stelle gilt also der Nutzung von Big Data durch private Wirtschaftsunternehmen generell und nicht allein ADA im Besonderen: Die Befürchtung, dass aus einer freien Gesellschaft schnell eine faschistische Gesellschaft totaler Überwachung wird, ist historisch bedingt nachvollziehbar. Technisch wäre dies längst effizienter denn je, stellt man sich die Verknüpfung der Bewegungsdaten, Alter und Geschlecht mit den Informationen anderer Internetanbieter vor – beispielswiese mit dem Freundes- und Bekanntenkreis, der politisch- weltanschaulichen Überzeugung, weiter mit der Steuerung intelligenter Maschinen aller Art. Die derzeit von ADA anonymisierten und verschlüsselten Informationen könnten auch erst der Beginn sein – und das Projekt ein Einfallstor für weitreichendere Eingriffe, als wir sie uns derzeit vorstellen können. Eines der Beispiele, die Thorsten Dirks in seinem Essay erwähnt, weist in diese Richtung: Durch die Analyse des Lebensstils kann die Wahrscheinlichkeit einer Diabeteserkrankung errechnet werden – eine Information, die nicht nur für den Betroffenen, sondern auch die Krankenkassen interessant ist. Zahlreiche Beispiele für die naheliegende Verflechtung von Gesundheitspaternalismus und modernster Überwachungstechnologie ist Juli Zehs 2007 erschienener Roman Corpus Delicti, der eindrücklich eine totalitäre Gesellschaft ohne Selbstbestimmungsrecht und individuelle Lebensgestaltungsfreiheit beschreibt.

Auch ohne sofort das Schreckensszenario von 1984 2.0 heraufzubeschwören sind die Subphänomene der Digitalisierung aus politischen Gründen kritisierbar: Denn durch sie, verbunden mit der modernen Telekommunikationstechnologie, findet nicht nur die oft betitelte Beschleunigung aller Prozesse, sondern auch die inflationäre Ausbreitung der ökonomischen Logik auf alle Lebensbereiche statt. Das Individuum kann sich der Sendung der Ökonomie durch die Allgegenwart der Medien, der Werbung inklusive des neoliberalen Imperativs zur Selbstoptimierung und der von ihm eingeschlossenen Gegentrends nicht nur nicht entziehen – es ist mit seinen Überzeugungen, Präferenzen und Zielen bereits das Produkt dieser Kulturtechniken. Big Data ist so Teil einer hegemonialen Biopolitik des 21. Jahrhunderts, um es mit dem Philosophen Michel Foucault zu sagen. Durch den Einsatz von Telekommunikationstechnologie im Bereich der Marktforschung wie ADA, die vom Cyberspace in den „Realspace“ überspringt, steigt der Einfluss der Ökonomie.

3) Wessen Wahl? Das legitime Subjekt der Entscheidung.

Im Essay von Thorsten Dirks findet sich ein Abschnitt, der durch die massive Verwendung von liberalen Schlüsselbegriffen besticht:

Meine Antwort auf diese Bedenken ist einfach: In einer freien Gesellschaft sollte jeder Einzelne von uns zu jeder Zeit die Entscheidung treffen können, was mit seinen Daten geschieht. Um eine solche freie Entscheidung zu ermöglichen, müssen sich Unternehmen bereit erklären, dem Individuum Souveränität über seine Daten und vollständige Transparenz über deren Verwendung zu gewähren.

Das klingt durchaus honorabel. Fraglich ist allerdings, wie weit es her ist mit Souveränität und dem Recht des Individuums „Nein“ zu sagen, und ob dieses Nein hier überhaupt Gewicht hat. Beschränkt sich die Autonomie auf die Opt-Out-Funktion, handelt es sich um eine Entscheidung nicht einmal nach dem Prinzip der Mehrheit – für den Erfolg des Analyseverfahrens genügt schon eine signifikante Menge, die nicht aussteigt. Diese Menge wird womöglich schon durch die Summe der Desinteressierten und Uninformierten erreicht – sodass allein eine öffentliche, politische Reaktion auf das Unternehmen verhindert werden muss. Die „träge Masse“ entscheidet demnach über den Erfolg von ADA, der nicht nur die Telefónica Deutschland-Kunden betrifft? Der Einzelne entscheidet allein über seine eigenen Daten. Diese Entscheidung hat in der Sache aber kein Gewicht.

Diese Beurteilung übersieht, dass Telefónica Deutschland seine Data-Analytics-Initiative durch die Zusammenarbeit mit der Bundesdatenschutzbeauftragten auch demokratisch rückversichert hat, sich mit dem Basecamp in einen kritischen Diskurs begeben und sich einer breiten gesellschaftlichen Debatte gestellt hat.

IV. Utopie und Nutzen. Für eine positive Zukunftsvision!

„Big Data, Data Analytics, Data Science, Data Mining – alle Epiphänomene der fortgeschrittenen und in rasender Geschwindigkeit fortschreitenden Digitalisierung sind innovative Verfahren, die begonnen haben, die Welt, in der wir leben grundlegend zu verändern.“

Big Data, Data Analytics, Data Science, Data Mining – alle Epiphänomene der fortgeschrittenen und in rasender Geschwindigkeit fortschreitenden Digitalisierung sind innovative Verfahren, die begonnen haben, die Welt, in der wir leben grundlegend zu verändern. Veränderung wird von einem Teil der Betroffenen immer als bedrohlich empfunden, genauso wie die Jugend schon in der griechischen Antike verteufelt wurde. Mit etwas Abstand betrachtet sind Veränderungen jedoch zunächst wertneutral.

Bei einem verantwortungsvollen und gerechten Umgang können Digitalisierung und Data Analytics zahlreiche Chancen bieten und insbesondere zu einer ökonomischen Effizienzsteigerung führen, zur Verbreitung von Wohlstand und Lebensqualität und dazu, dass sich immer mehr Menschen kreativeren, intelligenteren oder schlicht schöneren Aufgaben widmen können als der alltäglichen Erwerbsarbeit. Die Realisierung der positiven Effekte einer neuen Technologie setzt selbstverständlich stets Verteilungsgerechtigkeit und die mündige Mitbestimmung aller Betroffenen voraus.
Es gibt viele gute Gründe, das Projekt voran zu treiben und die Zukunft in einem positiven Licht zu sehen: Die Analysen von ADA lassen sich für die Optimierung des öffentlichen Nahverkehrs nutzen, wie der Use Case Nürnberg demonstriert. In diesem Zusammenhang ist auch an die Gestaltung des urbanen Raums, das Schaffen belebter Plätze, von Naherholungsgebieten, Kinderspielräumen, Einkaufzentren, Schwimmbädern und Parks zu denken. Wird ein bestimmter öffentlicher Platz jeden Sommer am Mittwochabend stark von unter 20-Jährigen frequentiert, könnte man in unmittelbarer Nähe ein Open-Air-Kino oder eine Musikbühne etablieren oder die Öffnungszeiten des Freibads angleichen. Droht eine Gegend zum Delinquenzgebiet zu werden, kann städteplanerisch auch hier ausgleichend eingegriffen werden.

„Daten sind eine Ressource, die da ist und die zum Guten wie zum Schlechten genutzt werden kann. Es wäre geradezu künstlich, sich den Entwicklungen der Digitalisierung radikal entgegenzustellen.“

Durch eine Analyse der Bewegungsströme können über den urbanen Raum hinaus die Verkehrsanbindungen der Dörfer und Kleinstädte verbessert werden: Wo und wann bräuchte man zusätzliche oder häufigere Zugverbindungen? Wo fehlen ÄrztInnen oder Plätze für Kinderbetreuung? Diese Informationen ließen sich von der Verknüpfung von lokalen Daten und den Informationen über die Altersgruppe ableiten.
Ebenso sind die Prognosen bei der Krisenprävention und Sicherheitspolitik einsetzbar, wenn es darum geht, bei einer Umweltkatastrophe, einer Epidemie oder einem Attentat den Betroffenen zu Hilfe zu kommen. Vorstellbar ist ihr Einsatz weiter im Gesundheitswesen, bei der Aufgabe, dass der Rettungswagen die schnellst mögliche Route zum Krankenhaus findet – zu jeder Uhrzeit, oder der Beurteilung, wo ambulante Altenpflege Sinn macht. Auch für das Marketing klassischer Produktbereiche ist Ada einsetzbar: Nichts ist verkehrt daran, wenn die Produkte zu ihrem Kunden gelangen.
Daten sind eine Ressource, die da ist und die zum Guten wie zum Schlechten genutzt werden kann. Es wäre geradezu künstlich, sich den Entwicklungen der Digitalisierung radikal entgegenzustellen. Auch hier gilt es, ähnlich wie in anderen neuen Technologien, die Standards zu bestimmen, Kontrollen und Regeln zu schaffen, statt sich für ein paternalistisches Verbot seitens des Gesetzgebers zu entscheiden, dessen Effizienz hinsichtlich der gegenwärtigen Lage des internationalen Privatrechts ohnehin sehr zweifelhaft scheint.

Daten sind per se weder nützlich noch schädlich. Es ist das Verfahren, das sicher und transparent sein muss und die konkrete Verwendung der Analysen, aus dem sich Nutzen stiften lässt.